Wissenschaft und Forschung an der Medizinischen Universität Wien, ein persönlicher Erfahrungsbericht

5. Juli 2017

Die Aufgaben der Hochschullehrer umfassen Forschung Lehre, Betreuung der Studierenden sowie universitäre Verwaltungstätigkeit. Allerdings haben Universitätslehrer, die an der Universität in ärztlicher (§§ 2 und 3 des Ärztegesetzes 1998, BGBl. I Nr. 169) oder zahnärztlicher Verwendung stehen, außerdem an der Erfüllung der Aufgaben mitzuwirken, die den Universitätseinrichtungen im Rahmen des öffentlichen Gesundheitswesens und der Untersuchung und Behandlung von Menschen obliegen (§ 63 UOG 1993).
Anlässlich meiner auf 2 Jahre befristeten Enennung zum Assistenzarzt an der Universität Wien ab dem 1.12.1985 erhielt ich daher auch ein Schreiben datiert mit 30.11.1984 meine Dienstpflichten betreffend. Die darin angeführte Aufteilung in prakt. Medizin, Lehre, Forschung und Administration wäre ganz in meinem Sinne gewesen, die Praxis sah jedoch vollkommen anders aus, denn zusätzlich zur 40 Stunden/ Woche Regeldienstzeit waren 15 Journaldienste/Monat (z.B. nicht selten: Montag, Mittwoch, Freitag, Samstag, Sonntag Nachtdienst, was eine 32-Stunden Woche außerhalb des Allgemeinen Krankenhauses der Stadt Wien ergibt) regelmäßiig eingefordert worden. Begründet hat dies der Dienstgeber (seinerzeit noch die Universität Wien) mit dem BDG 1979 §50. (Liebe(r) LeserIn, sie werden vielleicht fragen, warum hat der nicht sofort gekündigt? Die Antwort ist sehr einfach: Es gab eine Ärzteschwemme und ich habe die Anästhesie-Ausbildungsstelle vermutlich auch nur erhalten, weil in der Wiener Zeitung gleichzeitig 15 Anästhesie-Ausbildungs-Stellen ausgeschrieben waren.) Mit anderen Worten, Papier ist zwar geduldig aber 200% praktische Medizin, d.h. Patientenversorgung war angesagt und Lehre bzw. Forschung nicht einmal eine Gesprächsthema. Selbst eine vom Dienstgeber für mich vorgeschriebene Kontrolle meines Gesundheitszustandes (Strahlenschutzuntersuchung) war mir aus zeitlichen Gründen nicht möglich, weshalb ich am 19.10.1988 sogar eine diesbezügliche Strafverfügung erhielt. In der zugehörigen Straferkenntnis MBA/18/20/028/8/Str. vom 10.2.1989 wurden zwar meine Argumente: "Wochenarbeitszeit von 40 Stunden, zuzüglich mindestend 15 Nachtdienste pro Monat und daher wegen Arbeitsüberlastung eine Strahlenschutzuntersuchung nicht möglich" festgehalten, ich musste aber dennoch 330 Schillinge bezahlen, da (so die Straferkenntnis) es der Erfahrung des täglichen Lebens entspricht, dass eine vom Dienstgeber geforderte ärztliche Untersuchung durchaus während der Dienstzeit vorgenommen werden kann. Man gab mir seinerzeit den offenbar gut gemeinten (inoffiziellen) Rat, mich doch von der Strahelschutzuntersuchung befreien zu lassen um einer weiteren Strafe zu entgehen, was ich auch gemacht habe. Ich habe selbstverständlich weiterhin im strahlenesponierten Bereich gearbeitet. (Etwa 20 später wurde ich wieder zu einer Untersuchung eingeladen). Liebe(r) LeserIn, sie werden vielleicht fragen, warum ist der nicht in der Mittagspause zur Strahlenschutzuntersuchung gegangen: Meine Antwort dazu: Im OP hat es keine Mittagspause gegeben - erst ab 25.4.2002 gab es eine diesbezügliche Regelung: "Aus der Sicht der Direktion scheint es am idealsten, wenn sich im Operationsbereich (OP) diensthabende Ärzte selbst mit (kalten) Mahlzeiten versorgen, die sie in den Aufenthaltsräumen des OP einnehmen können, wennn eine Essenseinnahme außerhalb dieses Bereiches aus zeitlichen Gründen nicht möglich ist." (AKH/ADR/P/235/2002).
Es ist und war also kein Geheimnis, dass Ärzte an den Medizinischen Universitäten überwiegend zur Patientenversorgung eingesetzt werden, weshalb für universitäre Kernaufgaben wie Forschung oftmals nahezu keine Zeit bleibt. Genau genommen ist es noch wesentlich extremer, denn der einzelne Universitätsprofessor hat (wie aus einem Schreiben vom 10. Dez. 2004 des bm:wk hervorgeht) kein Recht auf prozentuale Forschungszeit an der Regelarbeitszeit (GZ 52.250/117-VII/672004). Folglich bleibt i.d.R. nur noch die Freizeit für Forschung übrig, was auch etwa der Publikation: The units of measurement of the ventricular stroke work: a review study entnommen werden kann:

study was mainly performed during leisure time

Um meine (speziell nicht-klinischen) Forschungsvorhaben zu verwirklichen habe ich daher im 25. Dienstjahr an der Medizinischen Universität Wien (MUW), genauer am 13. Sept. 2009 einen Antrag um Reduktion meines Grundgehaltes über 5 Jahre auf 80% und ab Oktober 2013 eine Freistellung im Ausmaß von 3 mal 4 Monaten (Sabbatical) gestellt, welcher bedauerlicherweise von der Leitung der klinischen Abteilung abgelehnt wurde. Um dennoch (nicht-klinisch) wissenschaftlich arbeiten zu können, habe ich daher ein Jahr später am 1. Okt. 2010 erneut einen Antrag um eine 5-jährige Reduktion meines Grundgehaltes auf 80% mit einer Freistellung im Ausmaß von 3 mal 4 Monaten (Sabbatical), diesmal mit dem Vermerk: "Es mag vielleicht paradox klingen, aber es ist mir während des klinischen Betriebes an der Medizinischen Universität Wien leider nicht möglich meine nicht-klinischen Forschungsvorhaben zu verwirklichen, weshalb ich seit Jahren regelmäßig meine Urlaubszeit blockweise so zu konsumieren versucht habe um während dieser Zeit (nämlich der Regelarbeitszeit an den Universitäten) mit Kollegen anderer Universitäten zusammenzuarbeiten." gestellt habe, was diesmal von der Klinik- bzw. Abteilungsleitung ganz offensichtlich vollkommen ignoriert wurde. Nach einem personellen Wechsel der Abteilungsleitung habe ich schließlich im Februar 2012 von Herrn Prof. Markstaller eine mündliche Antwort erhalten: „Der Rektor gewährt derzeit niemandem ein Sabbatical und wenn jemand versucht dagegen rechtlich vorzugehen, dann würde dies der Abteilung negativ angeschrieben werden, d.h. es würden Stellen gestrichen werden.“

Hinsichtlich Lehre an der MUW hat sich allerdings in den letzten Jahren vieles zum besseren verändert, denn Lehre ist (jedenfalls für mich) problemlos möglich geworden, schließlich kann man sich an der MUW durch klinische Arbeit im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien (AKH Wien) ein Kontingent an Lehr- und Forschungszeit 'erkaufen' (s. weiter unten). Wenn dieses Zeit-Kontingent durch Lehre verbraucht ist, dann ist allerdings Forschung i.A. nicht mehr möglich. Betreffend meine Forschungsvorhaben habe ich daher im Rahmen eines Mitarbeitergespräch gemeinsam mit Herrn. Prof. Markstaller im Juli 2016 meinen Wunsch schriftlich festgehalten, dass ich neben meiner Lehre wie bisher, 1/2 bis 1 Tag pro Woche für Forschung von der klinischen Routinearbeit freigestellt werden möge. Bedauerlicherweise wurde von der Leitung des Personalmanagements dieser Forschungswunsch nahezu negiert, wie dies auch aus dem Elektronischem Dienstplanmanager ( = Arbeitszeiterfassungssoftware der MUW) hervorgeht: Beispielsweise im ersten Halbjahr 2017 war ich durchschnittlich 47 Stunden pro Woche in der Routine-Patientenversorgung im AKH Wien (die tägliche Zuteilung zwischen 07:30 und 15:30 erfolgt durch das Klinikmanagement per Email am Vortag) eingesetzt und darüber hinaus etwa 10 Stunden / Woche nahezu ausschließlich in der Lehre (incl. Vorbereitung dazu) tätig, was (mit 1 Stunde nichtklinischer Tätigkeit, wie etwa Administration, innnerklinische Fortbildung) eine durchschnittliche Gesamtwochenarbeitszeit von etwa 58 Stunden / Woche ergibt. (Formal gesehen war die Negierung 'korrekt', denn das 'erkaufte' Kontingent an Lehr- und Forschungszeit war mit meiner Lehrtätigkeit an der MUW verbraucht und wünschen kann man sich an einer Universität Vielerlei, auch wissenschaftlich arbeiten zu wollen.)
So wie es derzeit aussieht, wird sich in aller nächster Zukunft nichts ändern, denn um wenigstens ab der 48. Wochenstunde wissenschaftlich tätig sein zu dürfen, bleibt i.d.R. nichts anderes übrig, als ein Opt-out zu unterschreiben, da Uniärzte auch künftig länger arbeiten 'dürfen', denn die 'Kauflösung', d.h. jene Arbeitszeit, die über 48 Stunden hinausgeht, muss für Forschung und Lehre aufgewendet werden, wird in ein Bundesgesetz erhoben.
Um dennoch wissenschaftlich tätig sein zu können, habe ich folglich bereits in den Jahren zuvor etwa 250 Tage Urlaubs und Freizeitausgleich angesammelt, was etwa einem Jahr entspricht, womit mein geplantes Forschungs-Sabbatical (sowie der Hürdenlauf dazu) hinfällig wurde. Im Sinne der Planbarkeit wurde ich lediglich ersucht einen längeren Urlaub der Leitung des Personalmanagements entsprechend frühzeitig bekanntzugeben. Warum allerdings die Leitung des Personalmanagements Prof. PD Baron, EDIC die mit Herrn Prof. Markstaller schriftlich vereinbarten Forschungswünsche nahezu negiert, bleibt vollkommen offen.
Liebe(r) LeserIn, Sie werden sich unter Umständen denken, den will man vielleicht zur Senkung des überbordenden Personalbudgets hinausekeln, weil er zu teuer für die Medizinische Universität Wien wurde, aber das trifft sicherlich nicht zu, denn etwa am Samstag oder Sonntag verdient ein(e) habilitierte(r) UniversitätsprofessorIn auch in meinem Alter von mittlerweile 60.1 Jahren an der MUW im Journaldienst (sei es um 2:00 Uhr in der Früh oder um 10:00 am Vormittag) pro Stunde brutto genau dasselbe (netto sogar etwas weniger), wie ein(e) AnfängerIn mit wenigen Wochen Erfahrung. Liebe(r) LeserIn, wenn Sie jetzt mutmaßen: Aha, seine Maginifizenz (=Anredeform bzw. Titel für einen Rektor einer Universität) wollte deshalb Arbeitskräfte für Sabbaticals nicht freistellen, dann muss ich Sie schon wieder enttäuschen, denn das BDG nennt für eine Ablehnung eines Sabbaticals lediglich 1.) Wichtige dienstliche Gründe, oder 2.) Der Beamte steht seit weniger als 5 Jahren im Bundesdienst. Es müssen demnach wichtige dienstliche Gründe gewesen sein, welche genau, das hat mir niemand verraten - obwohl ich darum ersucht habe.
Wenn Sie also im 60. Lebensjahr, 20 Jahre nach Ihrer Habilitation im 32. Dienstjahr an der MUW weiterhin wissenschaftlich tätig sein wollen, dann bleibt Ihnen vermutlich nichts anderes übrig als mit 48 Wochenstunden klinischer Patientenversorgung im AKH Wien 12 Stunden Lehr- und Forschungszeit 'käuflich' zu erwerben. Auf ein Mitarbeitergespräch können sie demnach ruhigen Gewissens verzichten. Wenn Sie zusätzlich nicht-klinisch forschen wollen, dann vergessen Sie nicht rechtzeitig Urlaubstage zu sammeln.


P.S.: Um die MUW nicht in ein falsches Licht zu rücken, habe ich mir erlaubt in den nichtklinischen Publikationen meine Heimatadresse in der Affilation anzuführen. Liebe(r) LeserIn, sie werden sich jetzt vielleicht die abschließende Frage stellen, wieso mischt sich der in fremde Forschungsdisziplinen ein? Dazu meine Antwort: Die Alterung medizinischen Wissens erfolgt gegenwärtig mit einer Halbwertszeit von etwa 5 Jahren. Grundlagen-mathematische Publikationen sind hingegen für die Ewigkeit geschrieben.

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